Geschichte



Es gibt in der brasilianischen Geschichtsforschung bis heute keinerlei Beweise dafuer, dass der Capoeira aus Afrika stammt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde er von Sklaven in Brasilien entwickelt. Und deshalb ist der Capoeira absolut echt und berechtigterweise brasilianisch! Aufzeichnungen, die Daten seiner Ersterscheinung festgehalten haben, schwanken zwischen 1578 und 1632 � es gibt also dafuer auch keine praezisen Angaben. Man weiss jedoch, dass der Capoeira als ein Instrument der Befreiung gegen ein herrschendes Unterdrueckungssystem entstand, in dem der schwarze Mann wie ein Objekt behandelt wurde, seine Kinder wie kleine Tiere und die schwarzen Frauen wie Muttertiere mit ihrer Brut.


Mit der Anlandung von schwarzen Sklaven in Brasilien begannen die Portugiesen um das Jahr 1548, und w�hrend der drei folgenden Jahrhunderte waren diese importierten Sklaven in erster Linie vom linguistischen Stamm der Bantu, dazu geh�rt auch die �Quimbundo-Sprache�. Diese Gruppe vereint die anderen �Angola, Benguela, Mozambique, Canbinda und Congo� in sich. �Das waren V�lker aus kleinen K�nigreichen mit einer vern�nftigen Kenntnis landwirtschaftlicher Techniken, deren bedeutende Eigenschaft eine sehr plastische Vision des Lebens war, mit einer grossen Kapazit�t zur kulturellen Anpassung�, erkl�rt der Anthropologe Oderp Serra. �In Brasilien fanden diese unterschiedlichen ethnischen Gruppen, ehemals Rivalen, durch ihre gemeinsame Versklavung zusammen und formten eine afrikanische Kultur, die in das brasilianische Kulturgut bedeutende und sehr starke Grundz�ge eingebracht hat � unter anderen im Tanz, in der Musik und den Bewegungen des K�rpers, wie im Fall des Capoeira�.

Im vergangenen Jahrhundert waren die bedeutendsten Hafenst�dte Brasiliens, wie Salvador, Recife und Rio de Janeiro, ein l�rmendes Chaos von Menschen. Und die Figur des �Escravo de ganho� (des Geld einbringenden Sklaven) war durchaus ein normaler Anblick in den Ballungszentren � Sklaven, denen ihre Herren erlaubten, ihre Dienste auf der Strasse anzubieten, und die dann ihrem Herrn einen vorbestimmten Prozentsatz ihres Verdienstes abgeben mussten. Weil sie nichts weiter anzubieten hatten als ihre K�rperkraft � um M�bel zu schleppen, irgendwelche Waren oder Abfall � hatten viele von ihnen in der N�he des Hafens ihren bevorzugten Standort. Und es dauerte nicht lange, bis sich diese Gruppen unter der F�hrung eines kr�ftigen Leidensgenossen organisierten, dem sie den Titel �Capit�o� verliehen, denn er war ein Experte in Capoeira.

Nach dem Geschichtsforscher Carlos Eug�nio L�bano Soares, der die Listen von eingekerkerten Sklaven des 19. Jahrhunderts untersuchte, waren die Jahre zwischen der Ankunft der k�niglichen Familie 1808 und der Abdankung des ersten Kaisers im Jahr 1831, gepr�gt vom �Terror des Capoeira� in Rio de Janeiro. Und Bahia stand dabei nicht zur�ck. Salvador war ein Pulverfass � die schwarzen Sklaven zettelten mehr als dreissig Aufst�nde an im Verlauf dieser Epoche. In den grossen St�dten war es normal, dass sich eine enorme Menge von Ausgestossenen in Banden organisierte

Antike �Capoeiristas� und ihre unvergessenen Heldentaten haften unausl�schlich in der Erinnerung unseres Volkes. Diverse offizielle Erl�sse versuchten mit den gesetzwidrigen Capoeira-K�mpfen aufzur�umen. Ein Erlass vom 16. M�rz des Jahres 1826 vom Generalintendant der Polizei in Rio de Janeiro befahl, dass alle Sklaven, die beim �Capoeira-Spiel� angetroffen w�rden, sofort zu verhaften und mit einhundert Peitschenhieben zu bestrafen seien. Bahianische Capoeiristas k�mpften f�r unsere Freiheit, auf der guten Erde aller Heiligen. In Rio de Janeiro waren die Capoeiristas im Juni 1828 eine grosse Hilfe gegen die S�ldnertruppen von Deutschen und Iren, die revoltierten und die Bev�lkerung in Panik versetzten.

Die Abgeordneten-Kammer von S�o Paulo entsprach einem Antrag des Pr�sidenten der gleichnamigen Provinz, dem Colonel der Miliz Rafael Tobias de Aguiar, am 24. Januar 1833, indem sie einen Erlass verabschiedete, dass jedwede Person, die Capoeira in der �ffentlichkeit praktiziere � im Fall, dass es sich um eine freie Person handele, mit drei Tagen Haft und einer Geldstrafe zwischen eintausend und dreitausend R�is zu bestrafen sei � f�r den Fall, dass es sich um einen Sklaven handele, die Strafe auf 24 Stunden Haft und zwischen 25 bis 50 Peitschenhieben festzusetzen sei.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wird der Capoeira zum deutlichen Ausdruck der Situation der Schwarzen in Brasilien. Die Ver�nderungen in der Wirtschaft und der Politik des Kaiserreichs setzten auch einen umfassenden Prozess der Entsklaverei in Bewegung. Wir erinnern uns, dass bereits 1850 das �Gesetz Eus�bio de Queir�s� den Transport von schwarzen Sklaven nach Brasilien verboten hatte. Die Logik des Weltwirtschaftssystems, und auch des brasilianischen, ersetzte den Schwarzen durch den eingewanderten Landarbeiter aus Europa, und dies f�hrte zu einer nicht zu verhindernden Verdr�ngung des Schwarzen in eine Randexistenz. Der Capoeira bl�hte infolge dieser Entwicklung, und es gibt unz�hlige Zeitungsberichte des vergangenen Jahrhunderts, welche die Abenteuer der �Capoeiras� (gemeint sind in diesem Fall die �Capoeiristas�) breit ausschlachteten.

Zu dieser Zeit versammelte der Capoeira nicht nur Ex-Sklaven und deren S�hne um sich � auch bedeutende Pers�nlichkeiten der Gesellschaft waren schon dabei. Langsam fand der Capoeira sogar Eingang in das politische Leben und wurde schliesslich auf breiter Front als Waffe zwischen den gegnerischen Fraktionen eingesetzt, die sich in der Zeit des Imperiums und in den Anf�ngen der Republik gegen�ber standen � vor allem in den St�dten Rio de Janeiro, Salvador, Recife und S�o Paulo. Die Capoeira-M�nner wurden angeheuert, um bei ungewollten Aufm�rschen einzugreifen, Wahlen zu sabotieren oder die Sicherheit von Politikern zu garantieren.

Nach der Sklavenbefreiung von 1888, wie wir wissen, bedeutete das Ende des Sklaven-Regimes noch lange keine Akzeptanz der Ex-Sklaven in der weissen Gesellschaft. Im Gegenteil, verschiedene Aspekte der afro-brasilianischen Kultur erfuhren jetzt erst recht eine rigorose Repression, wie der Capoeira in Rio de Janeiro und der �Candombl�� (afro-brasilianische Religion) in ganz Brasilien � besonders im Nordosten. Im Dekret 847 vom 11. Oktober 1890 mit dem Titel �Dos Vadios e Capoeiras� (�ber Strolche und Capoeiristas) heisst es unter Artikel 402: �Auf den Strassen oder �ffentlichen Pl�tzen Leibes�bungen zu machen, welche unter dem Namen �Capoeiragem� bekannt sind, wird mit einer Strafe zwischen zwei und sechs Monaten Gef�ngnis bestraft. Einziger Paragraph: Als erschwerender Umstand wird angesehen, wenn der Betroffene einer Gruppe oder Bande von Capoeiristas angeh�rt. F�r die Chefs oder K�pfe einer solchen Gruppe wird die Strafe verdoppelt�.

Der brasilianische Capoeira-Kampf wird langsam als Nationalsport behandelt, und es erscheinen die ersten Untersuchungen hinsichtlich seines Wertes als Methode der Selbstverteidigung und zur Gymnastik. 1928 publiziert Annibal Burlamaqui die �Gymnastica Nacional� (Nationale Gymnastik), methodisch und reglement�r bearbeitet, und im Jahr 1945 publiziert Inezil Pena Marinho, ein Sportlehrer, "Subs�dio para o Estudo da Metodologia do Treinamento da Capoeiragem� (Beihilfe zum Studium der Trainings-Methodologie des Capoeira).

Mestre Bimba und Mestre Pastinha gelten als die gr�ssten Namen in der Geschichte des Capoeira weltweit.

Mit Mestre Bimba gewinnt der Capoeira an institutionellem Raum in der Gesellschaft. Der Meister bekam die Unterst�tzung der Studenten der �Universidade de Salvador�, die bei der systematischen Verwirklichung seiner Ideen mitwirkten und bei der Formulierung seiner Unterrichtsmethode ebenfalls. Mestre Bimba gr�ndete die erste Capoeira-Akademie im Jahr 1932 � als "Centro de Cultura F�sica e Luta Regional da Bahia� � er lehrte Capoeira in Kasernen und pr�sentierte dem Pr�sidenten Getulio Vargas eine Gruppe seiner besten Sch�ler im Jahr 1953.



Quelle: Brasilienportal